Wie lassen sich umfangreiche IT Projekte ethisch ausrichten?

In den folgenden zwei Blog Artikel skizzieren wir für zwei Großprojekte, wie die Gemeinwohl-Matrix eingesetzt werden kann, um im Projekt ethische Perspektiven zu integrieren. Beginnend mit einem umfangreichen IT Projekt am Beispiel ERP System im ersten Teil und folgend von einem Fabrikneubau im zweiten Teil.

Eine ethische Ausrichtung ersetzt dabei nicht die grundsätzliche Projektvorgehensweise, sondern liefert weitere Perspektiven, welche in das Projektvorgehen und die inhaltliche Gestaltung des Projektes einfließen. Sie hat außerdem Auswirkungen auf den Veränderungsprozess, welcher mit Projekten einher geht.

Relevante Aspekte für ein ERP Projekt

ERP Projekte ethisch ausrichten

Im ersten Schritt betrachtet man den erwarteten Umfang des Projektes sowie die potenzielle Realisierungsstrategie und wählt die dazu passenden Matrixfelder aus der Gemeinwohl-Matrix aus. Wir haben im obigen Beispiel die Top 9 Matrixfelder für ein typisches ERP Projekt definiert. Die Auswahl der Felder erfolgte einerseits aus Risikosicht, andererseits Möglichkeiten orientiert, d.h. die Matrixfelder werden bearbeitet, um zusätzliches kreatives Potenzial für die Gestaltung zu eröffnen.

Risikoorientierte Perspektiven

Beginnen wir mit den risikoorientierten Feldern. Ist als Lösungsanbieter ein deutsches Systemhaus mit eigener Softwareentwicklung vorgesehen, dann gibt es in Bezug auf A1 und A2 Lieferat:innen Menschenwürde und Solidarität und Gerechtigkeit meist nur geringe Risiken. Wird die zukünftige Lösung offshore in Indien programmiert, sieht das schon anders aus. Ethisch wirtschaftende Unternehmen sollten diese Fragestellungen losgelöst vom Projekt in Ihrer Einkaufsstrategie bearbeiten.

B3 stellt insbesondere die kritische Frage, ob das Projekt in der Form grundsätzlich notwendig ist. Das ist gerade im ERP Umfeld hilfreich, da ein Systemwechsel immer wieder stattfindet, obwohl das grundsätzliche Verbesserungspotenzial entweder organisatorisch oder durch viel leichtgewichtigere Anwendungserweiterungen realisiert werden kann. Aber auch die Entscheidung für eine physische On Premise Installation oder eine Bereitstellung aus der Cloud kann hier bearbeitet werden.

Hinter E3 steht bei einem ERP Projekt ebenfalls die Frage einer physischen Installation vs. cloudbasierter Bereitstellung. Hier gibt es übrigens keine einfach Antwort, da in die Entscheidung auch Fragen der Verfügbarkeit und IT Sicherheit beantwortet werden müssen. E3 bringt also weitere Perspektiven in die Variantenvergleich möglicher Lösungen ein.

Möglichkeiten orientierte Perspektiven

Integration der Interessensgruppen in das Projekt

In den Matrixfeldern A4 und C4 liegen Fragestellungen, wie Lieferant:innen und Kund:innen überhaupt in das Projekt einbezogen werden. Das betrifft zum einen natürlich das Thema Kommunikation, zum anderen aber tatsächlich die technische und inhaltliche Ausgestaltung des Projektes. Dies bekommt insbesondere durch Cloudsysteme, in welchem mehrere Unternehmen aus der Supply Chain aktiv arbeiten, immer stärkere Relevanz.

Ethischer Transformationsbedarf durch Cloudapplikationen

Waren in der Vergangenheit die Schnittstellen zwischen Unternehmen, Lieferanten und Kunden oftmals manuell – also z.B. per Email, Telefon oder im Idealfall per EDI realisiert. So ermöglichen die modernen Cloudtechnologien, dass alle Stakeholder auf dem gleichen System arbeiten. Dadurch entsteht in mehreren Unternehmen gleichzeitig Transformationsbedarf.

Um so stärker die Stakeholder in das Projekt einbezogen werden, um so höher ist die Akzeptanz und der Nutzen, der dadurch entsteht. Nur sehr große Unternehmen können durch Ihre Marktmacht den Einsatz solcher Systeme bei Lieferanten erzwingen. Auf Kundenseite gilt diese Einschränkung noch stärker. Die Perspektiven der Matrixfelder helfen Unternehmen dabei eine integrierte und kooperative Zusammenarbeit zu fördern sowie Projektkosten für das einzelne Unternehmen zu reduzieren, eine Win-Win Situation.

Integration der Beschäftigten

Die Matrixfelder C1 und C4 sind die beiden zentralen Felder, wenn es um die grundsätzliche Projektkonzeption geht. Wie werden Betroffene und Beteiligte integriert? Wie erfolgt die Projektzusammensetzung und -kommunikation? Wer trifft Entscheidungen bei Prozessvarianten?

Auch die Überlegung über ein klassisches oder agiles Projektvorgehen lässt sich aus diesen beiden Matrixfeldern plötzlich ganz anders beleuchten. Führt doch ein agiles Vorgehen zu viel kürzeren Feedback-Schleifen zwischen Anforderung und Realisierung. Das erhöht die Zufriedenheit der Anwender und reduziert die Projektkosten, weil keine unnötigen Inhalte realisiert werden. Die Transparenz ist jederzeit sehr hoch – zumindest, wenn es sich um eine professionelles agiles Projektmanagement handelt und nicht nur ein agiles Mäntelchen um einen chaotischen Prozess.

Ethisches Kundenbeziehung als Formgeber des Systems

Wie eine Bearbeitung im Detail aussehen kann möchte ich am Beispiel D1 skizzieren. In der Einleitung des GWÖ Arbeitsbuches heißt es dort:

„Kund:innen als Menschen mit ihren Bedürfnissen und Wünschen stehen im Vordergrund, nicht deren Potenzial als Umsatzträger:innen. Ziel ist die optimale Erfüllung des wirklichen Kund:innennutzens. Dies reicht von der kund:innenorientierten Produktentwicklung über die offenen Kommunikation auf Augenhöhe bis hin zur Barrierefreiheit bei sämtlichen Kontaktpunkten mit Kund:innen. Ethische Kund:innen-Beziehungen umfassen auch den Verzicht auf Umsatz oder Gewinn, wenn es im Interesse der Kund:innen ist.“

Für die Gestaltung des ERP Systems, lassen sich daraus beispielhaft folgende Fragen ableiten:

  • Welche Barrieren lassen sich bei der Implementierung abbauen?
    • Lässt sich ein direkter Zugriff durch Kunden auf das System oder die darin enthaltenen Daten ermöglichen, um zum Beispiel Verfügbarkeit oder Preise zu recherchieren oder direkt in sein System zu übernehmen?
    • Welche Serviceleistungen kann der Kunde aus dem System selbstständig abrufen?
  • Welche zusätzlichen Leistungen können implementiert werden, welche einen echten Mehrwert bieten? Beispielhaft sei hier die Bereitstellung von Herkunfts-, Rückverfolgungs- oder Bestands/Verfügbarkeitsinformationen sein.
  • Kann der Kunde die richtigen Ersatzteile ebenso einfach bestellen, wie ein neues Produkt? Fördern Sie dieses Verhalten sogar? Lassen sich Garantie-Informationen zu früher gekauften Produkten einsehen und bei Bedarf auch einfach einsetzen?
  • Wie können Unternehmen bei Produkten, welche über den Handel an Endkunden gehen, eine Beziehung zum Endkunden aufbauen? Und wie wird Datenkonsistenz über die Stufen sichergestellt? Lässt sich Mehrwert für Handelskunden und Endkunden herstellen?

Immer wieder führt das Stichwort Customer-Self-Service zur Diskussion, dass der telefonische Kundenkontakt aber ein wichtiger Bestandteil der Kundenbeziehung ist und deshalb ganz bewusst keine Transparenz oder Self-Services geschaffen werden. Aber stellen Sie sich selbst folgende Frage: Möchten Sie anrufen müssen, um etwas zu erfragen, was sie problemlos hätten selbst finden können, oder lieber angerufen werden, um sicherzustellen, dass mit diesen selbst gefunden Informationen Ihr Bedürfnis befriedigt wurde?

Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie schafft hier plötzlich einen Perspektivwechsel. Welche Leistungen der Mitarbeitenden sind tatsächlich wertschöpfend für die Kund:innnen. Braucht es diese nicht wertschöpfende Tätigkeiten, oder kosten diese analog zu Verschwendung im Produktionsprozess das eigene Unternehmen nur Geld? Wie können diese Menschen im Sinne des Kunden wertschöpfend und nutzenstiftend tätig werden?

Fazit

Der Einsatz der Gemeinwohl-Matrix als Strukturgeber umfangreicher IT Projekte scheint auf den ersten Blick die Projektkomplexität zu erhöhen. Da der Einsatz aber primär während der Projektkonzeption erfolgt verbessert sich die Sicht auf Risiken und es werden zusätzliche Möglichkeiten für die Gestaltung des Projektes sichtbar.

Unternehmen fördern dadurch eine schrittweise Transformation in Richtung Nachhaltigkeit und ethischem Wirtschaften und reduzieren langfristige Risiken aus diesen Themenfeldern für das Unternehmen. Die kostenfrei verfügbaren Arbeitsunterlagen ermöglichen den Einsatz auch Unternehmen, die noch keinen Corporate Social Responsibility Report mit der Gemeinwohl-Bilanz erstellen.

Die Einführung von neuen IT Systemen sind immer auch mit Veränderungsprozessen verbunden. Wir begleiten Sie mit unserem ganzheitlichen Ansatz der Integralen Organisationsentwicklung. Nutzen Sie dieses Angebot, um Ihre Projekte erfolgreich zu gestalten und sich Freiraum zu schaffen für strategische Arbeit anstatt operativem Klein-Klein.

Gerne begleiten wir Sie in Ihrem konkreten Projekt.


Photo by Nathan Dumlao on Unsplash

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