Komplexität ist eine Frage der Modellierung

Wenn in aktuellen Publikationen das Thema Komplexität angesprochen wird, dann taucht in den meisten Fällen das Cynefin-Framework des Wissensmanagementforschers Dave Snowden auf.

Kern dieses Modells ist eine Differenzierung von Umgebungen in vier Ausprägungen. Von einfach geht es über kompliziert, komplex bis zu chaotischen. Ergänzt wird diese Differenzierung mit der Formulierung an die Herangehensweise, um eine Lösung in der jeweiligen Umgebung zu entwickeln.

In einfachen Umgebungen gibt es eine beste Lösung (Best Practice), in komplizierten Umgebungen kann es mehrere Lösungen geben (Good Practice). In komplexen Umgebungen können Lösungen nur schrittweise (Emergent Practice) entwickelt werden. Aufgrund der fehlenden eindeutigen Ursache-Wirkungsbeziehung lassen sich die Lösungen nicht mehr planerisch im Voraus finden. Im chaotischen Raum, in welchem sich Ursache-Wirkung völlig auflösen, gilt es vor allem Entscheidungen oder Hypothesen so zu treffen, dass die beteiligten Menschen schnell wieder in eine der drei anderen Umgebungen zu kommen.

Einfach: Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist eine Gerade.
Kompliziert: Ein funktionierendes Uhrwerk kann unterschiedlich konstruiert werden.
Komplex: Die Auswirkung von Klimaschutzmaßnahmen zeigen sich erst im Rückblick.
Chaotisch: Bei einer Insolvenz hat die Wiederherstellung eines Regelbetriebs für den Insolvenzverwalter höchste Priorität.

Das Modell wird ergänzt um einen Zustand „nicht zugeordnet“. Dieser differenziert aber nicht die Umgebung, sondern die darin arbeitenden Menschen. Wenn Sie den tatsächlichen Zustand der Umgebung überhaupt nicht betrachten, nutzen Sie einfach Ihre typische Arbeitsweise.

Die Wahrnehmung und Bewertung der Menschen hat also in Ihrer Sicht auf die Wirklichkeit sehr großen Einfluss.

Unsere Entscheidungen modellieren unsere Wirklichkeit

Was genau heißt das?

Dazu haben Gitta und Ralf Peyn vom formwelt Institut das sehr wertvolle Framework C2M ComplexityManagementModell entwickelt. Darin wird auf interdisziplinärer wissenschaftlicher Basis hergeleitet, wie jeder von uns sich seine Wirklichkeit kontinuierlich modelliert. Diese Modellierung erfolgt stark vereinfacht dadurch, dass wir auf etwas den Fokus setzen, es dadurch von etwas anderem Unterscheiden und diesen Fokus in einen Kontext stellen. Auf dieser Basis treffen wir gedanklich eine Entscheidung, welche wieder in den nächsten Gedanken und die nächste Entscheidung einfließt.

Für eine ausführliche Darstellung der Forschung und Ergebnisse ist der Platz hier nicht ansatzweise ausreichend. Wer sich tiefer einlesen möchte, dem kann ich nur ans Herz legen sich die Artikel von Gitta Peyn auf der Webseite des formwelt Institutes und innerhalb des Carl Auer Verlag Blogs zu widmen. Ein wacher Geist und die Bereitschaft sich auf neue – mathematisch logische und doch komplexe – Gedanken einzulassen ist hilfreich.

Für das Verständnis von C2M ComplexityManagementModell sind drei Kriterien wichtig, welche ich an einem alltäglichen Beispiel erläutern möchte. Stellen Sie sich vor, sie öffnen morgens Ihren Kleiderschrank, um das Passende für den Tag auszuwählen…

Dimensionierung

Sicherlich haben Sie am Morgen aus dem Fenster auf das Wetter geschaut, Sie haben Vorlieben für Lieblingsfarben und -kleidung, haben ein mehr oder minder ausgeprägtes Verständnis für Stil oder nutzen die Dimension Wochentag, um zu entscheiden ob es Business Kleidung oder eher Leger werden darf.

Ebenso könnten Sie aber in die Auswahl einbeziehen, ob die Kleidung ethisch hergestellt wurde (Ethik), wann Sie diese das letzte mal angehabt haben (Zeit), oder wie Ihr:e Lebenspartner:in dazu steht und welche Wirkung Sie auf Ihre Gesprächspartner haben möchten (Beziehung).

Differenzierung

Die unterschiedlich differenzierte Betrachtung jeder einzelnen Dimension ist ein weiteres Kriterium für die Entscheidungsfindung und die Modellierung der Wirklichkeit. Dabei lässt sich eine Dimension Anlass eher wenig differenziert in Business oder Casual unterteilen, oder stark in Vernissage, Hochzeit, Schiffsreise, Theater, Dinner, Galadinner,… ausdifferenzieren.

Wer sich schon einmal Over- oder Underdressed gefühlt hat, hat also entweder nicht die richtigen Dimensionen in seine Entscheidung einfließen lassen, oder diese zu wenig ausdifferenziert.

Geschwindigkeit

Das letzte relevante Element im C2M liegt in der Geschwindigkeit mit welcher das Durchdenken der Varianten erfolgt, welche sich aus Dimensionen und Differenzierung ergeben. Greifen Sie zielsicher zu passendem Anzug, Hemd und Krawatte , oder stellen Sie erst nach dem Anziehen fest, dass die Hemdfarbe doch nicht zur Anzugfarbe passt und es doch besser die unifarbene Krawatte sein sollte?

Bewusste Komplexitätsmodellierung eröffnet Möglichkeiten

Aus der Kombination dieser drei Elemente ergeben sich damit verschiedene Ausprägungen der Modellierung. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um Intelligenz, sondern darum, wie Menschen Ihre angeborenen Talente einsetzen und durch Training verbessern.

Insbesondere heißt das, wenn im folgenden Abschnitt steht „Zu finden bei Menschen…“, dass dieser Mensch in diesem Moment die angesprochene Komplexitätsstufe zur Modellierung einsetzt, aber durchaus in der Lage ist in anderen Situationen andere Stufen zu wählen.

K0K1K2
Komplexitätsstufe K0Komplexitätsstufe K1Komplexitätsstufe K2
Niedrig dimensioniert,
niedrig differenziert
niedrige oder hohe Geschwindigkeit
Niedrig dimensioniert,
hoch differenziert
niedrige oder hohe Geschwindigkeit
Hoch dimensioniert,
niedrig differenziert,
hohe Geschwindigkeit
Zu finden bei Menschen, welche gerne einfachen Antworten haben, obwohl andere darauf hinweisen, dass doch auch noch andere Dimensionen berücksichtigt werden müssen.

Oder bei einem eskalierter Streit zwischen Eltern und Kindern.
Bei Menschen zu finden, die in Ihrem Fachgebiet echte Experten sind, die aber weder Verständnis dafür haben, dass andere das Thema nicht interessant finden, noch sich auf Perspektiven aus anderen Fachgebieten einlassen möchten.

Oder zwischen Eltern und Kindern, kurz vor der Eskalation eines Streites.
Zu finden bei Menschen, die sich selbst als kreative Chaoten bezeichnen. Vielen Themen werden angestoßen, aber schwer zu Ende gebracht. Ideen sind auch mal weltfremd.

Manchmal bei Kindern, die sich alleine, scheinbar unstrukturiert mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigen.
Entwicklungspsychologisch frühe Denkmuster
K3K4K5
Komplexitätsstufe K3Komplexitätsstufe K4Komplexitätsstufe K5
Hoch dimensioniert,
hoch differenziert,
niedrige Geschwindigkeit
Hoch dimensioniert,
hoch differenziert,
hohe Geschwindigkeit
Parallele Bewertung unterschiedlicher Perspektiven &
bedarfsorientierte Reduzierung der Komplexitätsstufen
Bei Menschen zu finden, welche als gute Zuhörer, verschiedene Perspektiven aufnehmen. Die sich Zeit lassen, diese zu durchdenken und zu integrieren und daraus neue Sichten und Lösungen zu entwickeln.

Bei einem guten Gespräch zwischen Eltern und Kindern, in dem die Bedürfnisse des anderen berücksichtigt werden.
Dieser Mensch fühlt sich in hohen Dimensionen, starker Differenzierung und hoher Geschwindigkeit wohl. In anspruchsvollen Situationen rutscht so denkenden Menschen schon mal der Satz raus, „Das ist doch völlig klar.“, während andere noch mehr Zeit benötigen, um die verschiedenen Perspektiven zu durchdenken. Diese Menschen können parallel unterschiedliche Stufen modellieren. Unterschiedliche Szenarien werden gleichzeitig in K4 modelliert, für den Austausch mit anderen wird richtig herunterdimensioniert. Ein zielführender Dialog mit aktuell K1 oder K3 denken Menschen ist möglich.
Entwicklungspsychologisch spätere Denkmuster

Die für mich beste Metapher für die Fähigkeit Komplexitätsstufen zu modellieren ist die Jonglage. Jeder Mensch kann keinen oder einen Ball jonglieren. Bereits zwei Bälle benötigen Übung, wenn diese in einer Hand oder mit Handwechsel jongliert werden sollen. Diese Übungen helfen später auch mit drei und mehr Bällen zu jonglieren. Talent spielt dabei eine Rolle, wie schnell jemand lernt fünf Bälle zu jonglieren. Das entscheidende Element ist allerdings regelmäßige Übung.

Und selbst der beste Jongleur hält nicht kontinuierlich fünf Bälle in der Luft. Die meiste Zeit des Lebens hat er keinen Ball in der Luft und im Training variiert der die Anzahl, je nachdem was er trainieren möchte. Situativ nutzen wir unterschiedliche Komplexitätsstufen. Übung hilft uns dabei aus einer größeren Vielfalt an Modellierungsstufen auszuwählen. Und Stress macht all die Übung womöglich zu Nichte. Geben Sie jemand der mit fünf Bällen jonglieren kann fünf brennende Fackeln. Als erstes wird er mit einer Fackel arbeiten und sich dann steigern.

Wer einen tieferen Einblick in die C2M bekommen möchte, kann diesen in diesem Blogartikel zu den Komplexitätsstufen von Gitta Peyn erhalten.

Die Komplexitätsstufen im Kontext den Integralen Modells

Wie lassen sich diese Komplexitätsstufen aus Sicht des Integralen Modells betrachten? Aus unserer Sicht bilden die Komplexitätsstufen und das zugehörige Denkmuster im Integralen Modell eine weitere Dimension. Diese Dimension hat eine sehr große Bedeutung, lässt sich doch daran ableiten, warum die äußeren Ebenen besser geeignet sind, um mit steigender Komplexität umzugehen.
Formwelt im Kontext des Integralen Modells
Aus der Definition der Stufen heraus ergibt sich, dass Denk- und Kommunikationsmuster aus allen Komplexitätsstufen auf allen Entwicklungsebenen vorkommen können. Veränderlich dürfte deren Anteil sein. So verschiebt sich der Anteil von niedrig dimensionierten und strukturierten Mustern aus K0 und K1 in Richtung K3, K4 und K5. Diese Muster sind deutlich besser geeignet, um Lösungen emergieren zu lassen und gesunde Ausprägungen der jeweiligen Ebene zu gestalten. Für unsere aktuellen globalen Herausforderungen braucht es die Denkmuster K3, K4 und K5.

Zusätzlich relevant ist, wie die Dimension ZEIT in den Denkmustern berücksichtigt wird. Ist Purpur noch vergangenheitsgewandt lebt Rot im Jetzt, Blau schreibt Vergangenheit linear in die Zukunft fort. Ab Orange können unterschiedliche Zukunftsszenarien entwickelt werden, welche in Grün, Gelb und Türkis kontinuierlich um weitere Dimensionen erweitert werden.

Trainieren Sie Ihre Komplexitätsmodellierung

Mit drei einfachen Ansätzen lässt sich die eigenen Komplexitätsmodellierung bereits trainieren.

Sich die aktuellen Dimensionen und Differenzierungen bewusst machen

Werden Sie sich bei jeder Gelegenheit bewusst, auf welcher Stufe sie aktuell unterwegs sind. Wie viele Dimensionen fließen in die aktuelle Überlegung ein? Wie differenziert bewerten Sie die betrachteten Dimension?

Gerade in Situationen, in denen negative Emotionen spürbar werden, welche in den meisten Fällen zu K0 oder K1 Modellierungen führen, hilft dieser kurze Moment des Besinnens, um doch noch andere Lösungen zu finden. Oder Sie lassen es krachen und reflektieren es im Nachgang, auch das hilft die eigene Komplexitätsmodellierung bewusster zu machen.

Nehmen Sie eine Dimension hinzu

Egal über was Sie nachdenken, nehmen Sie eine Dimension dazu und entwickeln Sie dadurch eine weitere Perspektive auf Ihr Thema. Sie haben es weiterhin in der Hand, diese neue Perspektive in eine Entscheidung einfließen zu lassen.

Übrigens eine klassische Herangehensweise im systemischen Coaching – „Welche Farbe hat das Problem?“ oder „Was würde Ihre Schwester dazu sagen?“ – welche den Coachees oftmals völlige neue Perspektiven auf Ihr Thema ermöglicht.

Gehen Sie in der Kantine Mittagessen

Aber nicht mit den Kollegen aus Ihrer Abteilung, sondern möglichst interdisziplinär. Diskutieren Sie aktuelle Fragestellungen des Unternehmens aus ihren unterschiedlichen Perspektiven, die sich wiederum aus verschiedenen Dimensionen und Differenzierungen zusammensetzen.

Kombinieren Sie diese Aufgabe mit den beiden obigen und bilden Sie auch für Ihre Gesprächspartner Hypothesen auf welcher Komplexitätsmodellierung diese gerade unterwegs sind. Womöglich finden Sie ganz neue Ansatzpunkte in der Kommunikation, um bislang bestehende Kommunikationsmuster aufzulösen und als Team gemeinsam auf K3 denkend echte nachhaltige Lösungen zu entwickeln.


Fotos:
Komplexitätsstufen mit freundlicher Genehmigung des © formwelt Institut
Titelbild von Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay
Fußgängerzone © Bwag/CC-BY-SA-4.0

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